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Erfahrungsberichte

5.3.2017

 

Lieber Herr Dr. Selle,


hier ein kurzes Feedback zu den ersten 24h Ritalin Adult 30mg in Stichworten:

- erste Tablette gestern nach Praxisbesuch auf Heimweg

- Wirkungseintritt subtil ca. nach 30 min. durch diffuse Veränderung der Wahrnehmung (diffuses Gefühl von mehr Klarheit, leicht "schärferes Sehen", deutlichere Farben)

- Massiverer Wirkungseintritt dann nach weiteren ca. 60 Minuten mit: leicht erhöhter Herzfrequenz (nicht beängstigend), erhöhtem Körpertemperaturgefühl, relativ starkem körperlichem Bewegungsdrang, anflutende Euphorie, Rede-/Mitteilungsdrang, Empathiesteigerung, Antrieb- und Motivationsschub, stärkere akustische Wahrnehmung (Musik), stärkere taktile Sensibilität (Händchenhalten mit meinem Sohn). Gesamteindruck: Sensationell, aber arbeiten kann man so nicht. ;)

- Lange Musik gehört, Wirkung beobachtet, verminderte Müdigkeit, spät eingeschlafen, bei anhaltender Euphorie.

- Zweite Tablette heute Morgen ca. 6.00.

- Schnellerer Wirkungseintritt als gestern Abend bei weniger wuchtigem Anfluten (schon alltagstauglicher), Euphorie und Redebedürfnis, aber weniger "flashmäßig" als gestern Abend (positiv, aber weniger überwältigend/drogenmäßig). Puls abermals erhöhter als normal, aber weniger als gestern Nachmittag nach der Erstdosis. Alles in allem: sanfterer bei schnellerem Anstieg, beherrschbarer, alltagsnäherer/-tauglicherer Gesamteindruck. Euphorie nicht mehr so "drüber". Dafür stärkerer Antrieb und Motivation als gestern Abend (zielgerichteter).

- Erstaunlicher Effekt: Spontan und zum ersten Mal in meinem Leben extrem auffällig reduzierter "Schmacht" auf Kaffee. Beim Bäcker meine obligatorischen zwei großen Kaffee bestellt und spontan mehr Lust auf Mineralwasser bekommen. Überhaupt: Durst, Durst, Durst (fühlt sich gut an, trinke normalerweise viel zu wenig und habe nie Durst). D.h. statt normalerweise bisher 5 Kaffee und eine Dose Cola habe ich heute lediglich zwei Kaffee und zwei Liter Wasser getrunken. Ohne Vorsatz, sondern aufgrund Körpergefühl. Vom Gefühl her ist es so, als ob die Synapsen schon voll belegt sind und Koffein gar nicht mehr adäquat andocken kann, so dass nur noch der pure Geschmack übrig bleibt - der aber irgendwie nicht mehr schmeckt.

- Überhaupt veränderter Appetit, inhaltlicher Art: Sonst favorisierte ich eher relativ stark Zucker (Cola), Fett (Soßen, viel Butter) und Fleisch, sowie "überformatiertes" Essen (viele Gewürze, viel Soße, viel Kohlehydrate, analog ständigem starken Energie-Nachschub-Bedürfnis. Jetzt, auffällig: Bedürfnis nach Wasser, Salat mit einfachem Dressing (Essig/Öl statt Joghurt), spontanes Gefühl von Abgestoßensein von Milch (Kaffee heute morgen schwarz, statt wie sonst mit Milch). Zu Mittag daher: Zwei Steaks pur mit reinem Tomatensalat, dazu Wasser. Statt wie üblich Pommes mit Rahmsoße und Cola.

- Gestern Abend noch Übelkeitsgefühl nach der Einnahme für die Gesamtdauer der Wirkung (von 18.00 bis 3.00 nachts), heute morgen ein bisschen nur noch, jetzt nach der dritten Einnahme um 12.30 gar nicht mehr.

- Nach der dritten Tablette heute Mittag jetzt auch kein fühlbar beschleunigter Puls mehr.

- Also: erste Tablette, gestern 18.00, zweite heute 6.00, dritte heute 12.30 - Tendenz: Nebenwirkungen lassen mit jeder weiteren Einnahme drastisch nach bei Steigerung der erwünschten "alltagstautlicheren" Effekte. Sprich: Euphorie jetzt praktisch weg / normale situationsangepasste Stimmung. Kein überschießender Rededrang, sondern eher fokussiertere Gedanken, ohne Mitteilungsdrang. Mein Organismus scheint den ersten Überraschungseffekt von gestern Abend (Drogengefühl, super positiv, aber eher zum Tanzen als zum Arbeiten) weggesteckt und verarbeitet zu haben. Was ich relativ schnell finde insgesamt. Aber naja, ich habe ja Erfahrung mit dem Duloxetin, früher Nikotin und kann darüber vermutlich solche Effekte relativ schnell kognitiv "einbauen" / "einsortieren". Gestern Abend hatte ich das Gefühl, das Medikament kontrolliert mich (wenn auch sehr sehr positiv), jetzt habe das Medikament sozusagen ich unter Kontrolle (kann es steuern, kanalisieren, einsetzen, interpretieren, das neue Gefühl, statt davon "geflasht" zu sein.

- Recht hatten Sie mit dem angekündigten Mittagsloch: Ich war zwischen 11.00 und 12.30 Uhr extrem müde. Das muss aber nicht zwingend eine unmittelbare Wirkung des Medikaments sein, sondern kann mittelbar kommen durch das reale Schlafdefizit von gestern auf heute (3.00 bis 6.00), durch den Abfall der Anspannung nach dem Besuch gestern bei Ihnen (ob ich endlich einen Arzt gefunden haben würde, bei dem ich mich aufgehoben fühle) sowie dadurch, dass ein Organismus vermutlich nachvollziehbar müde wird/erstmal erschöpft durch eine Umstellung im Neurotransmitterhaushalt und deren Verarbeitung.

- Die Müdigkeit hatte ich im Übrigen beim Einschleichen von Cymbalta auch in den ersten sechs Wochen ziemlich stark, sie hat sich hinterher völlig verloren, d.h. ich würde auch hier - falls es doch unmittelbar vom Ritalin kommt - davon ausgehen, dass es eine Anfangsnebenwirkung ist, die vergeht. Die Müdigkeit ist jetzt (13.16 Uhr) nach Einnahme des Medikaments um 12.30 Uhr auch schon wieder deutlich besser bis weg.

- Selbstwahrnehmung: ist verändert, subtil positiv, in etwa folgender Hinsicht: Fühle mich selbstbewusster, ohne Arroganzgefühl, gefühlt klarerer Körperausdruck (Haltung), sitzen gefühlt grader, mehr Körperspannung, "präziserer Gesichtsausdruck", wenn man das so sagen kann. Ich sehe vorbeilaufenden Kollegen ins Gesicht und habe das Gefühl, deren Körperausdruck und Mimik schneller erfassen und ebenso schneller adäquater darauf reagieren zu können. z.B. habe ich, glaube ich, immer relativ reflexartig gelächelt, wenn mich jemand angesehen hat, völlig unabhängig davon, ob der andere mir freundlich entgegen trat im unterschwelligen Körperausdruck oder nicht. Ich habe sozusagen blanko die Menschen angelächelt, was mir selbst immer als "wahllose Freundlichkeit" vorkam.

Ich war zwar innerlich durchaus in der Lage, zu merken, dass mir grade jemand entgegen kommt, den ich a) nicht mag und der mir b) nicht wohlgesonnen ist, aber ich habe trotzdem reflexartig höflich gelächelt und gegrüßt. Man nennt das in der Psychologie ja - falls es das wäre - "Reaktionsbildung", d.h. dieser in der Tiefenpsychologie beschriebene Abwehrmechanismus von genau das Gegenteil agieren, was einem eigentlich das Gefühl eingibt (zu nett zu "Arschlöchern", unterkühlt zu Menschen, die man total schätzt). Das hatte ich zwar in den letzten zehn Jahren schon stark verloren; aber heute auf dem Weg zur Kantine und in der U-Bahn ist mir aufgefallen, dass ich weniger lächele, ohne dass das irgendwie unfreundlicher ist. Es ist eher: angemessener. Als ob das Lächeln ein mimischer Impuls wegen der fehlenden Impulssteuerung durch das ADHS war, statt psychosoziale "Unterwürfigkeit". Wobei ich das so auch nie war. Ich habe immer auch eher Dinge gesagt, mit denen man aneckt, ohne Rücksicht auf Sanktionen. Aber vermutlich das auch im Rahmen subtiler fehlender Impulssteuerung.

- Wenn man an Impulssteuerungsmangel bei ADHS denkt, denkt man - bzw. ich - ja eher an Spontankäufe, Risikoverhalten (schnelles Autofahren), Dazwischenquatschen oder Reizbarkeit. Aber - und ich schildere das jetzt nicht nur grade so ausführlich wegen dem grade vollen Wirkungseintritt um 13.27 nach Einnahme um 12.30, sondern weil das für Sie ggf. auch interessant ist, insofern als es vermutlich nicht alle Patienten schaffen, so präzise die Wirkungsmechanismen zu differenzieren - die fehlende Impulssteuerung scheint viel subtiler zu wirken als man das so augenscheinlich meint. Nämlich auf Ebene sogar der Körperspannung, Körperausdruck, Muskeltonus, Mimik, Geschwindigkeit, mit der man mimisch und physiognomisch auf andere Menschen in der Lage ist, zu reagieren.

- Wir hatten gestern darüber gesprochen, dass ADHSler oft Mobbing-Opfer werden etc. und überlegt, warum. Ich für mich hatte oft das Gefühl, ich bin irgendwie zu freundlich. Trage mein Herz auf der Zunge, bin viel zu schnell viel zu nett, ohne Differenzierung. Meine Psychiaterin/Psychologin meinte, sie könne das in der Außenwirkung so nicht bestätigen. Ich wirke nicht zu nett auf sie. Sie vermutete eher, dass ich aus einem Gefühl des Sich-Verteidigen-Müssens eventuell überkompensiere, ohne es zu merken, indem ich kompensativ zu "hart", streng wirke, was andere zu Opposition aufruft.

- Nach der erstmaligen Einnahme von Ritalin, würde ich diese These von meiner Psychologin allerdings verwerfen und sagen, ich hatte mit meinem Bauchgefühl Recht: Ich war "zu freundlich", zu unabgegrenzt. Zu undifferenziert. Und ich meine das noch voll auf der Ebene der Körpersprache, völlig nonverbal. Ich habe heute in der UBahn und auf dem Behördengelände Menschen in viel differenzierteren Kategorien wahrgenommen: Sehr sympathische, uninteressante, latent feindselige, offene, verdeckt und offen aggressive. Und ich habe diese Differenziertheit ohne das Ritalin so nicht wahrgenommen. Das war überlagert von allem Möglichen anderen (Geräusche, Gerüche, inneres Wahrnehmungsrauchen). Und heute Morgen in der Bahn, war ich in Mitten der ganzen Menschen gefühlt zum ersten Mal "voll da". Ich habe mich körperlich, seelisch voll und differenziert wahrgenommen, abgegrenzt und "geschlossen" ggü. anderen. Mit mühelos darauf zeitnah und intuitiv abgestimmtem eigenem Antwort-Ausdruck.

- In der Resonanz: Hat mich meine Gruppenleiterin, die seit zehn Monaten grußlos bis feindselig durch mich hindurch sieht, zum ersten Mal angelächelt. Ich hatte sie nämlich zum ersten Mal NICHT angelächelt. Sondern bin klar und ruhig an ihr vorbei gegangen mit klarem abgegrenzten Blick in die Augen. Angstfrei, adäquat und klar. Ich hab ihr Initial-Lächeln auch nicht erwidert (reflexhaft) und das war in dieser Reaktion nicht unfreundlich, sondern: abgegrenzt und klar. Irgendie substanziell selbstbewusst aufgrund total sicherer innerer eigener Selbst- und Körperwahrnehmung.

- Also als Spontanfeedback auf die Frage: warum sind ADHS-Menschen häufiger Mobbing-Opfer. Nach meinem Eindruck nach 24h Ritalin: Weil sie vermutlich im gesamten Körperausdruck, ohne das überhaupt zu bemerken, unabgegrenzt und unklar im Ausdruck sind. Was eventuell das Gegenüber irritiert (kann die Körperbotschaft des ADHSler nicht deuten, weil er gar keine hat) und aus subtiler Verunsicherung inadäquat aggressiv (Abwehr der reaktiven Unsicherheit) werden lässt.

- Ich finde diese Wahrnehmungsdifferenz innerhalb von nur drei Einnahmeeinheiten ziemlich krass im Effekt. Das liegt möglicherweise auch daran, dass wir nicht langsam hochdosiert haben, sondern direkt mit 30mg angefangen haben. Wenn man das von der Persönlichkeit wegstecken kann, hat dieses direkt auf 100 Prozent dosieren somit den vermutlich medizinisch (für Sie als Arzt) interessanteren Effekt, dass man besser sieht, was es in der Differenz tatsächlich macht, das Medikament. Beim vorsichtigeren Einschleichen hätte ich das vermutlich weniger klar mitgekriegt und kognitiv fassen können.

- Ok. Wie man sieht, ist der Rede-/Mitteilungsdrang aber vermutlich weiterhin noch überhöht. ;-) Aber die Tendenz zur Abnahme der Seiteneffekte zugunsten der gewünschten Effekte (Konzentration, unangestrengte Fokussiertheit, verbesserte Arbeitsleistung) scheint ja da zu sein.

- Noch nicht so alltags- und arbeitstauglich ist, dass die Fokussiertheit - ADHS-typisch - weiterhin voll dem Lust-Prinzip folgt (ich verliere mich jetzt schön, allerdings bewusster, hier in der E-Mail, statt die To-Dos von heute zu erledigen, auf die ich weniger Lust habe). Allerdings tue ich das weniger impulsiv als man meinen könnte, sondern durchaus bewusst. Weil ich denke, dass ich in der ersten Woche die Wirkung - und für Sie als Arzt, zur Weitergabe an Ihre Patienten (hiermit erlaubt) sowie für mich als Patientin mit nach 45 Jahren erstmals ädaquater Medikation irgendwie wichtig, finde ich - auf eine Weise beschreiben kann, wie im weiteren Medikationsverlauf vermutlich nie mehr. Es ist ja gerade der Kontrast, der die Erkenntnis klarer hervortreten lässt.

- D.h. keine Sorge, das wird jetzt nicht immer so lang.

- Der "Bericht" ist runter-assoziert, ohne Absicht hinsichtlich Struktur und Stringenz, dafür aber unmittelbarer in der Beschreibung und damit hilfreicher, denke ich.

Herzlichen Dank für das - wie ich es empfunden habe - sehr wahrhaftige, gradlinige und sehr sehr "humanitäre" Erstgespräch. Ich meine damit, dass Sie sich nicht hinter medizinischer Autorität verschanzt haben und ich mich ernstgenommen, ohne bemitleidet, gefühlt habe. Vielen Dank! Ich denke besser kann man es "an der Front" und auch z.B. mit Suchtkranken (die sich vermutlich noch um ein Vielfaches verletzlicher fühlen als ich das gestern getan habe) nicht machen.

Schönes Wochenende (Pulsfrequenz inzwischen wieder nahezu völlig normal, Euphorie-Ersteffekt weg, dafür viel viel klarer),

Sehr geehrter Dr. Selle,

ich wollte mit Ihnen nur kurz Rücksprache halten, da ich heute zum ersten mal Gelegenheit hatte das von Ihnen verschriebene Ritalin auszuprobieren.

Mein erster Eindruck ist wirklich SEHR positiv! Ich habe mir vorher keine wirkliche Vorstellung machen können, wie die tatsächliche Wirkung ist, aber das was ich heute den gesamten Tag über erlebt habe hätte kaum besser sein können.

Um es bildlich auszudrücken habe ich zum ersten mal in meinem Leben das Gefühl, dass meine Blende (Wie bei einem Fotoapparat) jetzt auf die korrekte Öffnung eingestellt ist. Die ganzen Umwelteinflüsse und Kleinigkeiten, die mich sonst immer "durchs Leben irren" lassen haben, fühlen sich jetzt viel besser gefiltert an. Ich nehme meine Umwelt viel klarer war, die Kommunikation ist viel einfacher, weil ich mich nun zum ersten mal auf meine Gesprächspartner und das Gespräch konzentrieren kann.
Es ist als wäre zum ersten mal der Nebel weg, der mich sonst immer umgibt.

Auch motorisch lässt sich eine starke Verbesserung feststellen. Es hört sich vielleicht verrückt an, aber heute ist der erste Tag an den ich mich erinnern kann, an dem ich nichts umgeschmissen oder fallen gelassen habe. Allein das Einfüllen von Kaffepulver in eine Mokkakanne funktionierte heute zum ersten mal, ohne das ein großer Teil daneben ging. Unter dieser Ungeschicktheit habe ich mein Leben über doch sehr gelitten, dass wurde mir heute klarer denn je. Selbst die motorischen Ticks, wie das ständige Bewegen von Füssen oder Beinen sind nahezu verschwunden.

Auch das Lesen von komplizierten Texten und das Lernen geht nun wesentlich besser als noch gestern. Ich habe nicht mehr das Gefühl nach kürzester Zeit etwas anderes tun zu müssen. Allein für das Schreiben dieser eMail hätte ich vorher eine Stunde gebraucht, wäre zwischenzeitlich immer wieder aufgestanden und hätte mich ablenken müssen. Nun ist es mir möglich sitzen zu bleiben, die Konzentration aufrecht zu erhalten und die eMail "durchzuschreiben".

Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass gerade bei Tätigkeiten, die ein höheres Konzentrationsvolumen fordern, es noch etwas mehr von diesem "Focus" da sein könnte. Wenn ich mich stark konzentrieren muss (Fachbücher/Artikel) und vielleicht sogar noch Stress dazu kommt dann ist die Ablenkung und das Herausspringen aus der Konzentration doch noch recht häufig da.
Auch im Alltag habe ich nicht das Gefühl das die jetzige Dosis zu viel sei, im Gegenteil denke ich, dass eine Erhöhung die bisherigen Erfolge sogar noch steigern könnte.

 

Mit freundlichen Grüßen und größtem Dank

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Mittlerweile bin ich Mitte 20 und habe sehr viel erlebt, beziehungsweise erleben müssen.

Meine Familienkonstellation umfasst insgesamt drei Familien mit 10 Geschwister (Halbgeschwister), von denen ich zwei von meinen Geschwistern, bis heute nicht persönlich kenne.

 

Mit drei Monaten kam ich in eine Pflegefamilie – das Beste, was mir passieren konnte.

Bereits im Kindergartenalter stellten sich die ersten Probleme ein. Ich fiel durch meine motorische Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten auf. Im Spiel mit anderen Kindern war ich „wild“ und kannte häufig keine Grenzen. Die Diagnose ADHS ließ nicht lange auf sich warten. Dieses Verhalten zog sich bis ins Grundschulalter und verschlimmerte sich zusehends. Immer öfter mussten meine Eltern intervenieren – sei es nun, weil ich Probleme mit Lehrern oder Mitschülern hatte. Bis zum heutigen Tage bin ich meinen Eltern, auch wenn sie nicht meine leiblichen Eltern sind, unendlich dankbar, dass sie immer wieder zwischen mir und der „Außenwelt“ vermittelten, sich schützend vor mich stellten. Denn von außen erhielten meine Eltern mehr als ein Mal negatives Feedback; ob sie ihren Sohn denn nicht richtig erziehen könnten. Auch Freunde und Bekannte konfrontierten meine Eltern mit Unverständnis und Ablehnung.

 

Aufgrund meiner sozialen „Unverträglichkeit“ und erheblichen Konzentrationsdefiziten war meine weitere Schullaufbahn an für sich schon vorbestimmt.

Ich unterzog mich an einem Institut einem IQ Test. Dieser wurde zwar von mir nicht beendet, weil ich weder die nötige Zeit noch innere Ruhe hatte, um diesen zu beenden, dennoch wiesen die bis dahin gelösten Aufgaben auf einen überdurchschnittlichen IQ hin. ;-)

Nichts desto trotz musste ich eine Hauptschule besuchen. Mein „von Natur aus“ eh schon geringes Selbstbewusstsein litt in dieser Phase ungemein. Das Gefühl, anders zu sein, als alle anderen, machte mir schwer zu schaffen. Ich wurde empfänglich für negative Sozialkontakte und jugendliches, kriminelles Verhalten. Hier ein kleiner Ausschnitt;

 

·        Klauen im Supermarkt

·        Fahrraddiebstahle 

·        Drogenkonsum ( Marihuana, Ectasy, Speed, Alkohol, Kokain, halluzinogene Pilze, Kettenrauchen)

·        Einbruch

 

Die bis dahin größtenteils erfolglose Therapieversuche und – Maßnahmen waren;

 

  • Generelle enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt
  • Einzeltherapie
  • Familientherapie
  • Ergotherapie
  • Mehrwöchige Kuraufenthalte
  • Jugendpsychiatrie
  • Ambulante Beratungsstellen
  • Sitzungen bei verschiedenen Neurologen und Psychologen

 

 

 

 

 

 

 

 

Trotz allem konnte ich meinen Realschulabschluss machen und begann eine Ausbildung, die im Übrigen bis heute andauert – mittlerweile acht (!) Jahre.

Im Folgenden möchte ich versuchen, die Probleme, die sich bis heute manifestiert haben, aufzulisten;

  • Selbstmordabsichten im Alter von 18 Jahren, als einziger Ausweg – Nur durch Eingreifen der Polizei wurde der Versuch verhindert
  • Auszug aus dem Elternhaus, aufgrund massiver familiärer Probleme
  • Stetig ansteigender Drogenkonsum, insbesondere Amphetamin (Speed)
  • 6 mehrwöchige Aufenthalte in diversen psychiatrischen Kliniken, ohne entsprechende Besserung
  • soziale Isolation; nur vereinzelte Freund – und Bekannschaften
  • starke Beziehungsprobleme

 

Darüber hinaus habe ich im Alter von 17, 18 Kontaktversuche zu meinen leiblichen Eltern unternommen. Diese Erfahrung war für mich mehr als negativ – Näheres hierzu möchte ich nicht bekannt machen, da dies zu sehr in meine Privatsphäre vorstößt.

Das spannungsreiche Verhältnis zu meinen Pflegeeltern blieb bestehen, bis ich Dr. Selle kennenlernte. Durch ihn wurden mir alternative medikamentöse Präparate, Vertrauen, Verständnis und Wertschätzung zuteil. Das Medikament, mit dem ich behandelt werde, läuft nicht unter der herkömmlichen medizinischen Betreuung von ADHS in Deutschland – Ich erhalte DL Amphetaminsaft.

Das Verhältnis zu meinen Pflegeeltern verbessert sich stetig, wobei die alten Narben noch viel Aufarbeitung bedürften und nicht gänzlich verheilen werden.

Durch die Hilfe und Motivation von Dr. Selle habe ich eine neue Therapie begonnen und distanziere mich von illegalen Drogen.

Ich erfahre nun zum ersten Mal, was es bedeuten kann, ein selbst bestimmtes Leben mit Struktur, Ordnung und Organisation in Ansätzen zu führen und zu fühlen.

 

An dieser Stelle möchte ich mich abschließend bei meinen Eltern bedanken – für all ihre „übermenschliche“ Liebe, Ausdauer, Hoffnung, Energie und das sie ihren Glauben an mich nie verloren haben.  

Insbesondere weil ich nicht das einzige Kind bin, dem sie eine Zukunft ermöglicht haben.

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