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Ich habe vor die psychologischen folgenden Texte noch einen dazu passenden, sehr emotionalen Song gefunden, der die Problematik gestörter frühkindlicher Bindungen auf seine Weise verdichtet. Viele meiner Suchtpatienten haben ein ähnliches Schicksal durchlitten.

J. Selle


Im Hintergrund hören Sie:

Jos

Artist: Robert Long


Und dann war Jos auf einmal tot
Er wollte einfach nicht mehr weiterleben
Er hat sich eines Tages aufgegeben
Ich sah es kommen und stand bloß daneben
Er hat nicht nur damit gedroht,
nein, er stieg einfach aus dem Boot

Man glaubt oft, dass man einen kennt.
Nun ja, ich habe Jos ganz gut verstanden .
Obwohl wir nicht gleich zueinander fanden.
Er taute auf, als wir uns besser kannten
Dann ging ein Riss durch den Zement.
Dann war er mir nicht mehr so fremd.
Wenn wir zu zweit an stillen Sommertagen
im Abendrot am stillen Wasser lagen,
konnte er mir auf einmal alles sagen
er hatte sich an mich gewöhnt und uns hat nicht mehr viel getrennt

Er sah mir selten ins Gesicht.
Auch als wir schon beinah Freunde waren
er hatte angst, sich ganz zu offenbaren,
er konnte stundenlang ins Leere starren,
dann wusste ich er möchte nicht, dass man das Schweigen einfach bricht.
Er wollte eine harte Schale haben,
sich vor der ganzen Welt in sich vergraben
Ich saß dabei und zwang mich nicht zu fragen
denn irgendwie da wusste ich, dass er von ganz alleine spricht

Und dann hat er von sich erzählt,
von Eltern, die sich immerzu nur streiten
er hinundhergerissen zwischen beiden und schließlich lassen sie sich scheiden,
und wen von beiden er auch wählt, er fühlt, dass ihm der andre fehlt
Er scheint auf einmal überall zu stören.
Zu keinem Menschen richtig zu gehören,
und trotzig will er sich dagegen wehren,
er möchte Liebe und erhält
viel Schokolade und viel Geld.

Man steckt ihn in ein Internat.
Am Anfang möchte er vor Heimweh sterben,
doch was er fühlte kann er bald gut verbergen,
er lernt zu lügen um geliebt zu werden,
er ist ein schlechter Kamerad,
kaum einer gibt sich mit ihm ab
und nach der Schule lässt er sich so treiben,
will nichts erreichen und will nirgends bleiben.
Nur weil glaubt ihn könnte keiner leiden,
vertraut er keinem guten Rat
und seine Wege sind nicht grad'.

Das alles hat er mir gesagt,
er konnte früher nie darüber reden doch mir erzählte er sein ganzes Leben,
hätt ich ihm damals bloß die Hand gegeben und ihm gesagt, dass ich ihn mag,
mein Gott, es war sein letzter Tag

Den letzten Brief schrieb er an mich
und darin stand: "Auch du hast mich belogen
mit deinem milden Lächeln mich betrogen,
und mich am Ende wieder abgeschoben,
es denkt halt jeder nur an sich,
und trotzdem hoffte ich auf dich,
ich fühlte mich ganz wohl in deiner Nähe,
du musst verzeihn, wenn ich s o einfach gehe,
es ist nur, weil ich keinen Sinn mehr sehe,

Ich will nicht mehr, leb Wohl,

Dein Jos







SZ-Magazin | Heft 21/2009


 

Zwölftausend Stunden Zweitfamilie

Prof. Remo Largo

Remo Largo ist Professor für Kinderheilkunde und Autor der Bücher »Babyjahre« und »Kinderjahre«. Gemeinsam mit Martin Beglinger vom »Tagesanzeiger Magazin« hat er kürzlich »Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen« veröffentlicht.

 


 

Kinder verbringen fast so viel Zeit in der Schule wie zu Hause. Sollten Lehrer da nicht etwas mehr leisten als nur Unterricht?

 

Alle reden von der Schule. Alle wollen mehr und bessere Bildung. Klingt gut. Wir möchten jedoch zu jener Frage zurückkehren, die den Kern der Bildungsdebatte darstellt: Was für eine Schule brauchen unsere Kinder? Denn nur eine Schule, die sich an den grundlegenden Entwicklungsbedürfnissen des Kindes orientiert, kann kindgerecht sein.

 

Ohne Beziehung geht nichts

 

Ein Kind muss sich geborgen fühlen, in den ersten Lebensjahren bei seinen Eltern, später dann bei seiner Lehrerin. Für eine tragfähige Beziehung müssen aus Sicht des Kindes die folgenden Faktoren stimmen: ausreichend Zeit für Begegnungen – auch außerhalb des Unterrichts –, Kontinuität und Verlässlichkeit der Bezugspersonen. Und die Beziehung und Akzeptanz dürfen nicht nur von der schulischen Leistung abhängig gemacht werden. Manche mögen dies als Plädoyer für eine Kuschelpädagogik belächeln. Gerade ihnen sei gesagt, dass emotionale Geborgenheit die Grundlage zur Leistungsbereitschaft liefert – nicht nur bei Kindern.

 

Eine gute Beziehung verbessert nicht nur die Lernbereitschaft, sondern führt letztlich auch zu besseren schulischen Leistungen. Das gilt auch umgekehrt: Bringt ein Kind schwache Leistungen oder stört es oft den Unterricht, liegt es oft auch an einer mangelhaften oder gar fehlenden Beziehung zum Lehrer.

 

Die Schule erzieht mit

 

Für manche, insbesondere konservative Kreise ist der Fall klar: Für die Erziehung (respektive Sozialisierung) sind die Eltern zuständig, für die Bildung der Staat. Beides ist in dieser Absolutheit falsch. Ein Kind verbringt allein während seiner obligatorischen Schuljahre 10 000 bis 12 000 Stunden in der Schule – oft ein Vielfaches der mit den Eltern aktiv verbrachten Zeit. Deshalb ist es schlicht unmöglich, dass die erzieherische Verantwortung einzig bei der Familie liegen kann.

 

Es steht außer Frage, dass die kind-gerechte Schule der Zukunft mehr betreuen muss und sich nicht mehr aufs ausschließliche Unterrichten beschränken kann. Sie muss den Kindern sinnvolle Erfahrungsmöglichkeiten anbieten, weil viele Kleinfamilien selber diese Leistungen nicht mehr erbringen können. Das hat nichts mit der »Züchtung von Staatskindern« zu tun, aber viel mit Chancengerechtigkeit.

 

Individueller Unterricht

 

Eine kindgerechte Schule ist eine individualisierte Schule. Anders kann sie die immense Vielfalt innerhalb einer einzigen Schulklasse nicht auffangen. Obwohl die Kinder einer Schulklasse in der Regel denselben Jahrgang haben, steht die Lehrerin bereits in einer ersten Klasse vor Schülern mit riesigen Entwicklungsunterschieden. Die leistungsmäßig besten Erstklässler sind bereits so weit wie Drittklässler, die schwächsten gerade mal auf dem Niveau des ersten Kindergartens. Diese Unterschiede zwischen den Kindern weiten sich im Verlaufe der Schulzeit immer stärker aus.

 

Trotzdem sind nach wie vor Lehrpläne maßgebend, die für alle Kinder Gültigkeit haben sollen. Schlägt die Schule weiterhin jedes Kind über den gleichen Leisten, wie sie das in der Vergangenheit getan hat, wird man die einen Kinder zwangsläufig unterfordern und andere überfordern. Diese Kinder werden auf die Dauer entmutigt und verabschieden sich innerlich von der Schule – oder aber sie werden aus Protest verhaltensauffällig.

 

Kompetenzraster statt Noten

 

Meint es eine Schule wirklich ernst mit dem individualisierten Unterricht, dann ist es nur konsequent, die bisherigen kollektiven durch individuelle Lehrpläne zu ersetzen. Dies wiederum würde auch das Ende von Einheitsprüfungen und des konventionellen Notensystems bedeuten. Denn warum soll man die Latte bei allen Schülern gleich hoch ansetzen, wenn sie doch einen völlig unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen? In einem individualisierten Unterricht lernen Kinder auch ohne Notendruck.

 

Die Forderung nach Abschaffung der Noten mag quer stehen zu den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft, obschon die Ungenauigkeit und Ungerechtigkeit bei der Notenvergabe seit Jahren wissenschaftlich belegt ist. Bemerkenswert ist allerdings, dass ausgerechnet die Wirtschaft immer öfter eigene Leistungstests durchführt, weil sie den Zeugnisnoten misstraut. Der Lehrmeister will wissen, was eine Zwei in Deutsch oder Mathematik konkret heißt, weil »gut« nach seiner Erfahrung je nach Schule etwas anderes bedeutet.

 

Ganzheitliches Lernen

 

Gerade die aktuelle Krise zeigt, wie gefährlich die kurzfristigen Ansprüche der Wirtschaft an die Schule sind. Noch vor einem halben Jahr hielten viele eine Bankkarriere für den sichersten und einträglichsten Weg. Fast über Nacht ist alles anders geworden. Wir brauchen keine kleinen Fachidioten, sondern Kinder, die ganzheitlich gefördert werden. Längerfristig ist mit einem solchen Ansatz nicht nur dem Individuum, sondern auch der Gesellschaft am besten gedient, weil sich auf diese Weise am meisten Menschen beruflich und sozial integrieren lassen.

 

Das oberste Ziel einer kindgerechten Ausbildung besteht nicht in einem Zeugnis mit lauter Einsen in Wissen und Fertigkeiten, sondern in einem guten Selbstwertgefühl aller Schüler. Ein gutes Selbstwertgefühl kann nur entstehen, wenn das Kind die Schule erfolgreich bestehen kann, also weder über- noch unterfordert wird. Dies verschafft dem Kind die Gewissheit, dass es die Zukunft mit Zuversicht in Angriff nehmen kann, dass es die eigenen Stärken zu nutzen und mit den Schwächen umzugehen weiß. Eine kindgerechte Schule entlässt junge Erwachsene in die Gesellschaft, die emotional gefestigt, sozial kompetent und fähig sind, ihr Leben selbstständig zu meistern. Lernstoff, der nur den Fachlehrer, aber nicht die Kinder interessiert und der vor allem nichts zu ihrer langfristigen Entwicklung beiträgt, gehört nicht mehr in den Unterricht.

 

Wider den Förderwahn

 

Wenn uns täglich eingetrichtert wird, dass Bildung unser einziger Rohstoff und die Schule der zentrale Weichensteller für ein erfolgreiches Leben sind, dann braucht sich niemand mehr über den Förderwahn zu wundern, dem inzwischen bereits Kleinkinder zum Opfer fallen. Dabei gehen deren Eltern von der irrigen Vorstellung aus, ihr Kind werde umso klüger, je früher und intensiver man mit ihm übt – ob das Einmaleins, Chinesisch oder das Geigenspiel. Doch ein Kind lässt sich nicht beliebig wie ein Gefäß mit Inhalten abfüllen. Man kann keine Gymnasiasten züchten. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Was die Kinder brauchen, sind umfassende Erfahrungsmöglichkeiten, in den ersten Lebensjahren wie in der Schule. Das Lernen besorgen sie dann selber.

 

Skepsis gegenüber dem grassierenden Förderwahn bedeutet aber nicht, die Eltern könnten keinen Einfluss auf den (schulischen) Werdegang ihrer Kinder nehmen. Ihre vornehmste Aufgabe ist und bleibt es, dem Kind jenes Grundgefühl der Geborgenheit zu vermitteln, das den Humus auch für einen erfolgreichen Schulweg bildet. Und es obliegt den Eltern, dem Kind möglichst vielfältige Entwicklungserfahrungen anzubieten. Doch anbieten heißt eben nicht aufdrängen.

 

 

Remo Largo ist Professor für Kinderheilkunde und Autor der Bücher »Babyjahre« und »Kinderjahre«. Gemeinsam mit Martin Beglinger vom »Tagesanzeiger Magazin« hat er kürzlich »Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen« veröffentlicht.

 

 

 

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Vortrag, anlässlich einer Unterrichtsveranstaltung für Erzieher/innen, Herne Sozialpädagogisches Zentrum im März 2004.

Literatur: G. Hüther, Neurologe und Hirnforscher Universtät Göttingen, G. Gebauer Schulleiter Göttingen: Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag 2002. -Wenn Kinder auffällig werden. Walter Verlag 2003, Kinder brauchen Vertrauen. Walter Verlag 2004,


Einleitung  Zitat Astrid Lindgren

Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".

Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."

Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, "Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein."

Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: "Niemals Gewalt."


Unsere Kinder brauchen Bindungen als Vorrausetzung für ihre psychische Gesundheit.
 

Wir sind heute vor die entscheidende Frage gestellt, ob alle, die wir diese Gesellschaft bilden, also jeder einzelne von uns, ganz persönlich die materielle und geistige Verantwortung für die nächste und übernächste Generation übernehmen will und in der Lage dazu ist. 

Heute sind wir nur allzu gern bereit, die Verantwortung unsrer Probleme auf abstrakte Institutionen zu schieben: am liebsten auf die Gesellschaft, die Politik oder die Medien. Das hat den ungeheuren  Vorteil, dass man selbst nichts mehr damit zu tun hat, seine Verantwortung los und aller Verpflichtungen ledig ist. Dies allerdings entspricht dem heutigen Zeitgeist, der sich das „immer-gut-drauf-sein“ zum Motto gewählt hat.
 

Wir erleben gerade eine zunehmende Gewalttätigkeit bei Kindern und Jugendlichen und einen stetigen Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität. Das Bedrohliche liegt darin, dass immer jüngere Kinder gewalttätig werden: in den letzen Jahren hat sich die Tatverdächtigenziffer bei 12 bis 14 jährigen Kindern verdreifacht. Im Jugendalter sind die Ziffern noch höher. Parallel dazu werden die Kinder, die Nikotin, Alkohol, Drogen und andere psychoaktive, schädigende Substanzen zu sich nehmen, immer jünger.

 

Außerdem verfolgen wir zurzeit eine unsägliche Diskussion über Maßnahmen gegen fremdenfeindliche Übergriffe. Ausländische Mitbürger werden auf grausame Weise gequält. Man ruft nach raschen Aktionen, die Tatkraft vorgaukeln, aber am eigentlichen Problem vorbeigehen.

 

Es scheint so, dass die Öffentlichkeit, und das sind wir alle, die Brisanz dieser Entwicklung nicht zur Kenntnis nehmen oder ganz schnell verdrängen oder verleugnen will. So begnügen wir uns lieber

mit einer Symptombeseitigung und mit dem Zukleistern der wahren Probleme, anstatt sich mit den Ursachen von Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum zu beschäftigen.

 

Dabei geht es wirklich um viel, viel mehr als um Parteienverbote oder Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, so ehrenwert diese Ziele auch sein mögen und sich positiv auf die Verteilung von Wählerstimmen auswirken werden.

 

Der Münsteraner Pädagoge Johannes Schwarte: Es steht der humane und zivilisatorische Standard unsrer Gesellschaft und damit ihre Zukunftsfähigkeit auf dem Spiel. In ihrem Buch Jugend und Gewalt(1993) sehen Eisenberg und Gronemeier „die Jugend in eine hochtechnische Barbarei hineinstolpern“, und „die Zermürbung der klassischen Sozialisationsinstanzen- der  Familie und der Schule- öffnet die Tore für die Rückkehr der Gewalt in den Alltag der zivilisierten Gesellschaften“.

 
Erziehung versus Beziehung


Schwarte führt die heutigen Probleme unserer Jugend  auf eine gesamtgesellschaftliche Erziehungsvergessenheit zurück. Jeder, der mit Kindern und Jugendlichen  in der Schule, in der Praxis oder in einer Familienberatungsstelle zu tun hat, wird dem sofort zustimmen.
 

Auch in früheren Zeiten war die Erziehungsfähigkeit ein Thema: so schrieb I. Kant zum Ende des 18. Jahrhunderts in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Über Pädagogik“ bemerkenswerte Gedanken nieder, die ich kurz zitieren möchte: „Zwei Erfindungen des Menschen kann man wohl als die schwersten ansehen: die Regierungs- und die Erziehungskunst nämlich. Sich selbst besser machen, sich selbst kultivieren, und wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorbringen, das soll der Mensch. Wenn man das aber reichlich überdenkt, so findet man, dass dieses sehr schwer sei. Daher ist die Erziehung das größte Problem und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden.  Denn Einsicht hängt von der Erziehung, und die Erziehung hängt wiederum von der Einsicht ab. Und nur dadurch, dass eine Generation ihre Erfahrung und ihre Kenntnisse der folgenden übergibt, kann ein richtiger Begriff von der Erziehungskunst entspringen“.
 

Diese Gedanken enthalten sehr viel Modernes  und bleibend Richtiges. Erziehung als Kunst verstanden, und eben nicht das bloße Vermitteln starrer Prinzipien, das ist eine kluge Sichtweise.
 

Aus meiner Sicht würde man heute den Begriff Erziehung durch den Begriff Beziehung ersetzen und diese Begriffe zumindest gleichwertig sehen. Das Eine ist ohne das Andere nicht möglich. Eine Pädagogik, die nicht von vornherein auf einer guten, vertrauensvollen, gefühlsmäßigen Beziehung zum Kind beruht, ist wirkungslos oder gar schädlich. 

Nun einige Beispiele aus der modernen Säuglings- und Bindungsforschung, die diese Problematik eindruckvoll unterlegen.

Hierzu sind einige Definitionen, wie ich sie im Folgenden zitieren werde zur Kenntnisnahme erforderlich:

Fremde Situation: die Auswirkungen mütterlicher Feinfühligkeit und die Annahme ihres Säuglings im ersten Lebensjahr auf die psychische Sicherheit ihres Kindes lassen sich im Alter von 12 Monaten in der sogenannten fremden Situation prüfen: sie wird in einem mit Spielzeug attraktiv ausgestatteten, aber für das einjährige Kind und ihre Bindungsperson fremden Raum durchgeführt. Durch die Fremdheit der Umgebung und zwei kurzfristige dreiminütige Trennungen von der Mutter wird das Bindungssystem des Kindes, also sein Streben nach Schutz aktiviert. Man beobachtet und prüft, auf welche Weise das Kind Beruhigung sucht, dies wird mit einer freundlichen, trainierten Spielpartnerin in der Rolle einer Fremden verglichen.  Es werden dabei drei wesentliche Bindungsqualitäten festgestellt.

- die sichere Bindung : das Kind lässt sich schnell beruhigen

- die unsichere Bindung : das Kind lässt sich nicht beruhigen

- die unsicher wechselseitige Bindung:

die Mutter reagiert unsicher, das Kind lässt sich nicht beruhigen

  Die Bindungsmuster charakterisieren kleinkindliche Verhaltensstrategien im Umgang mit Trennungsstress, Fremdheit und anderen Belastungen.

 

Die moderne Säuglings- und Bindungsforschung hat belegt, wie wichtig die Feinfühligkeit der Bezugsperson im Austausch  mit dem Säugling, dem Kleinkind ist. Diese wiederum legen den Grundstein für die spätere Fähigkeit zum sozialen Austausch und für eine adäquate Auseinandersetzung mit der Realität.

 

Die Fähigkeit zur sozialen Perspektivenübernahme, das Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Affekte, Absichten, emotionalen Gestimmtheiten und Wertvorstellungen des anderen werden schon in dieser  frühen Entwicklungsphase grundlegend festgelegt. Aufgrund ihrer fortgeschrittenen zentralnervösen Organisation sind das Neugeborene und der junge Säugling in der Lage, zu mehr als einer Person Kontakt aufzunehmen und Interaktionen mit ihrer unmittelbaren Umgebung zu beginnen und zu beenden. Dabei ist es wichtig, dass diese unmittelbare Bezugsperson von Anfang an taktvoll auf diese Interaktions- und Kommunikationsbemühungen des Neugeborenen und jungen Säugling eingeht. Er soll das Gefühl bekommen, dass er bei seinen wichtigen Bezugspersonen für ihn adäquate, das heißt „richtige“ Reaktionen auslösen kann. Auf diese Weise kann der junge Säugling bereits  wahrnehmen, dass seine Gefühle, Gedanken, und Aktionen zum Erfolg führen. Hier liegt schon ganz früh, und zwar in den ersten Lebenstagen und  –Wochen, die Wurzel für spätere Ich- Stärke. Damit dies gelingt, kommt es entscheidend darauf an, dass interne Verhaltensbereitschaften des Säuglings und externe Förderung seitens der unmittelbaren Bezugsperson sorgfältig aufeinander abgestimmt werden.

 
Frühe Austauschprozesse zwischen Mutter und Säugling

 

In der frühen Mutter- Kind Beziehung entwickelt sich ein harmonisches Interaktionsmuster, welches dem Säugling das Gefühl vermittelt, dass zwischen seinen Intentionen und denen der Mutter kein Unterschied besteht, was wiederum darauf gründet, dass die Mutter die Signale ihres Kindes nicht nur nicht intuitiv versteht, sondern sie auch adäquat beantwortet, ein unbewusst ablaufender Vorgang, der von Balint (1966) als ‚primäre Liebe’ bezeichnet wurde. Diese Ansicht steht im Einklang mit der neueren Säuglingsforschung, die gezeigt hat, dass es bereits angeborene Prädispositionen für den wechselseitigen gefühlsmäßigen Austausch gibt. (Trevarthen 1998).


So kann das Neugeborene schon im Alter von 45 Minuten den mimischen Ausdruck seiner Bezugsperson teilen, d.h. es verfügt über

‚einen fest vorgegeben Kommunikationscode, den es mit einem Gegenüber teilt, und der für einen ersten emotionalen Kontakt mit seinem Gegenüber ausreicht. Auch ist das Neugeborene bereits dazu vorbestimmt, seine Aufmerksamkeit mit einem Gegenüber zu teilen und ein gemeinsames Aufmerksamkeitszentrum zu bilden, eine Fähigkeit, die sich im Verlauf der nächsten Monate weiter differenziert.

 

Vorrausetzung für diese Fähigkeiten ist, dass die  Austauschprozesse zwischen Bezugspersonen und dem jungen Säugling fein aufeinander abgestimmt sind, wie dies zum Beispiel in mikroanalytischen Videobeobachtungen  für die frühen vokalen und gestischen Interaktionen zwischen Mutter und Säugling nachgewiesen werden konnte. Wenn die Reaktionen zwischen Mutter und Säugling zwar mimisch und tonlich passend sind, aber zeitlich nur um wenige Sekunden verzögert erfolgen, wird diese innerliche Abstimmung durchbrochen, und der Säugling verliert den inneren Kontakt zur Mutter und wird apathisch. (Bergmann Mausfeld 2000).
 

Die Mutter nimmt nicht nur die Aktion bzw. die Reaktionen ihres Säuglings wahr, sondern auch dessen innere gefühlsmäßige Zustände, die sie widerspiegelt. Dies ist die Vorraussetzung ist für die Entwicklung der psychischen Strukturen bzw. des psychischen Selbst beim Säugling. 

Schon nach drei Tagen unterscheiden Neugeborene das Gesicht der Mutter von einem fremden Gesicht. Sie sind bereits am zweiten Tage nach der Geburt in der Lage, eine fröhliche, traurige oder überraschte Miene nachzuahmen. Sie imitieren auch Gesichtbewegungen wie Herausstrecken der Zunge, Öffnen des Mundes, Bewegungen des Kopfes.

Das Neugeborene beachtet bevorzugt solche Reize, die eng an soziales Verhalten gekoppelt sind, wie Schreien, Anschauen, Nachahmen, Anschmiegen. Dieses kommunikationsähnlichen Verhalten zwischen Mutter und Säugling wird auch als ‚protosoziales Verhalten’ bezeichnet.

Das Neugeborene und der junge Säugling antworten bevorzugt auf weibliche Stimmen mit einer höheren Frequenz im Vergleich zu männlichen, tieferen Stimmlagen. Intuitiv erhöht die feinfühlige Mutter ihre Stimmlage, wenn sie sich dem Neugeborenen zuwendet. Sie kommt damit der Vorliebe des Neugeboren für hohe Stimmlagen unbewusst entgegen.

Bereits Neugeborene zeigen eine deutliche Vorliebe für  gesichts- ähnliche Konfigurationen. Wenn man Neugeborenen verschiedene Reizkonstellationen bestehend aus drei Elementen, zwei Augen und Mund, vorstellt, bevorzugen sie eindeutig die Konstellation mit einer ovalen Umrahmung. Außerdem folgen sie mit ihrem Blick häufig einer Gesichtsattrappe in aufrechter Position als einer Attrappe in anderer Position oder mit durcheinandergewürfelten Gesichtsteilen.

 Intuitives Elternverhalten 

Im Alter von drei Monaten entwickelt der junge Säugling ein ganz bevorzugtes Interesse an seinem Gegenüber. Er zeigt ein intensives, auf das Gesicht des Anderen gerichtetes Schauverhalten. Die Mimik der Bezugsperson wird zu einem wichtigen Objekt von Neugier und Beobachtungsverhalten beim Säugling. Er beginnt jetzt zu brabbeln und großes Interesse an den Mundbewegungen als auch an der Prosodie (Lehre vom zeitlichen Rhythmus der Sprache) und Rhythmik des mütterlichen oder väterlichen Sprechens zu entfalten. Wobei die Eltern intuitiv ihrerseits in einer verlangsamten, singenden, rhythmischen Sprechweise mit dem Säugling kommunizieren und auf diese Weise sich den spezifischen Reizverarbeitungsmöglichkeiten des Säuglings anpassen.

Im Alter zwischen drei und vier Monaten differenzieren sich die Lallspiele zwischen Eltern und Säugling und bekommen zunehmend einen Dialogcharakter. Die Fähigkeit der Eltern, die Kommunikationssignale des Säuglings zu verstehen und adäquat darauf zu reagieren und die Fütterungs-, Bade- und andere Rituale entwicklungsangemessen zu gestalten wird als ‚intuitive parenting’ bezeichnet. Das intuitive Elternverhalten ist von großer Bedeutung nicht nur für die sozial- verstehende, sondern auch für die emotionale Entwicklung des Kindes. Das elterliche Sprechen wird vom Säugling mit Lippen-, Zungen-, und Handbewegungen begleitet, er zeigt Ärger oder Freude beim geglückten oder missglückten Zwiegespräch.

 

Ab dem Alter von etwa sechs Monaten orientieren sich die Säuglinge an der Blickrichtung der Bezugspersonen, um ihre eigene Aufmerksamkeit danach auszurichten.

Im Alter zwischen vier und neun Monaten reagieren Säuglinge auf einen fröhlichen oder ärgerlichen Gesichtsausdruck mit einer eigenen entsprechenden Emotion. Der Säugling kann in diesem Alter den Gesichtsausdruck der Bezugperson als Hinweis nehmen, ob ein Ereignis oder eine Situation  beruhigend oder bedrohlich ist.

Wenn man Kinder zischen vier und zwölf Monaten beim Fütterungsverhalten beobachtet, dass die elterliche Responsivität von großer Bedeutung für die kindliche Entwicklung ist, insbesondere für die Entwicklung der Initiativefähigkeit, Aktionsfreude und Kreativität.

 Ermunternde Eltern werden diese Fähigkeiten bei ihrem Kind fördern, während restriktive Eltern im Gegenteil die Initiativefähigkeit ihres Kindes eher behindern. Dies kann man gut beobachten, wenn Säuglinge zum ersten Mal feste Nahrung erhalten und mit dem Löffel umgehen, dabei nach ihrem eigen Willen spielen und experimentieren oder auch herummatschen. Säuglinge zeigen in diesem Fütterungs- Verhalten  Wünsche nach Akzeptanz und Ermunterung. Wünsche, die von feinfühligen Eltern wahrgenommen, verstanden und beantwortet werden. Eltern, die das Anerkennungsbedürfnis ihres Kindes wahrnehmen und befriedigen fördern bei ihrem Kinde das ‚wahre Selbst’. (Winnicott).

Die Forschung über die Interaktion zwischen Säuglingen und ihren Müttern konnte zeigen, dass das Zusammenspiel zwischen den beiden bereits im Alter von zwei bis drei Monaten bereits wechselseitig ist und die verschiedenen Handlungsmuster wie Mimik, Gestik, Lautieren, Erblicken auf aktiven Anpassungsleistungen des Säuglings beruhen und nicht etwa nur Anpassungsvorgänge der Mutter  oder des Säuglings darstellen. Im weiteren Verlauf, etwa im Alter von neun Monaten, erweitert sich das Interaktionsverhalten des Säuglings  auf ein gemeinsames Drittes, was sein Interesse weckt, das gemeinsam herbeigeholt oder betrachtet wird. Der Säugling erwartet, dass die Mutter dieses Etwas ebenfalls beachtet und gemeinsam mit ihm beschaut oder es ihm bringt.

 Wichtig ist, dass die Mutter teilhat an der Freude ihres Kindes, gespeist aus der Freude über den Erfolg, das Interesse der Mutter auf ein anziehendes Objekt gelenkt zu haben. Hier liegt der Ursprung für die Fähigkeit gemeinsam Gefühlszustände zu teilen (sharing of mental states).

 Qualität der Bindungsbeziehung 

Kinder von Eltern die ein inkonsistentes ( unzusammenhängendes) Interaktionsverhalten zeigen, sind unsicher, ambivalent (wechselseitig) gebunden. Sie können sich nicht auf die Haltefunktion der Eltern verlassen, also darauf, zum rechten Zeitpunkt in der rechten Weise getröstet, geschützt oder gehalten zu werden. Aufgrund der Untersuchungen von Ainsworth und Mitarbeitern (1978) und Main (1995) kann davon ausgegangen werden, dass etwa 20% der ein- bis andershalbjährigen ein ambivalentes Beziehungsmuster zeigen als Folge inkonsistenter Beziehungsstile seitens der Eltern bzw. der entscheidenden Bezugspersonen.

Die Bindungssicherheit erweist sich als relativ stabil über die Zeit hinweg. Darüber hinaus eignet sie sich zur prognostischen Vorhersage  kindlichen Verhaltens im Vorschulalter: sicher gebundene Kinder zeigen ein kompetenteres Sozialverhalten und sind weniger aggressiv als unsicher gebundene Kinder. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bezugspersonen verlässlich und haltgebend sind, und sie konnten ein positives Selbstbild entwickeln.

Die Qualität der Bindungsbeziehung hat also einen entscheidenden Anteil an der Art und Weise, welche das Kind später zu sich selbst und zu seiner Umwelt unterhält, und ob es eher ein prosoziales oder eher ein aggressiv- destruktives Verhalten zeigt. 

 

Die Qualität der Bindungsbeziehung wird wiederum wesentlich bestimmt durch Feinfühligkeit, Sensitivität und Empathiefähigkeit

 Empathie, die Fähigkeit sich in die Situation und emotionale Lage eines anderen hineinzuversetzen und ihn und sein Verhalten auf diese Weise zu verstehen. Ein Synonym für die Empathie ist deshalb auch die Einfühlung.

der Mutter sowie durch Verlässlichkeit und Konstanz des mütterlichen Beziehungsverhaltens. Ein unsicheres Bindungsverhalten kann als Risikofaktor für spätere psychische und soziale Auffälligkeiten angesehen werden, vor allem, wenn belastende Lebensereignisse hinzukommen wie zum Beispiel zwischenelterliche Konflikte, Scheidung oder körperliche oder emotionale Misshandlung, körperliche oder seelische Erkrankung eines Elternteils.

 

In den ersten drei Monaten reagieren Mütter von sicher gebundenen Kinder rascher auf das Schreien ihres Kindes, zeigen ein aktiveres und liebevolleres Betreuungsverhalten, Mütter von unsicher vermeidend gebundenen Kindern zeigen weniger Interaktionen, ihr Pflegeverhalten ist funktional während Mütter von ambivalent gebundene Kindern die Signale   ihrer Säuglinge nur inkonsistent beachten: wenn ihr Kind gerade zufrieden spielt oder sich nur ausruhen will, überschütten sie es mit Kontakt angeboten, während sie es ignorieren, wenn das Kind traurig, ängstlich oder verzweifelt ist (Grossmann et al. 2000.

Schon sehr früh ist der junge Säugling in der Lage, Zielrichtung und  Motivation elterlicher Aktionen zu verstehen, und er reagiert in subtiler Weise auf lust- oder unlustvolle Stimmungen der Mutter. Letztere hemmen seine Aktivität, er nimmt sich zurück, zeigt ein stark vermindertes oder gar kein Explorationsverhalten. Auch die Fähigkeit, den affektiven Gehalt von Erfahrungen ( zunächst in Form von Lust und Unlust) wahrzunehmen, ist Teil der bereits nachgeburtlichen Mitgift des jungen Säuglings. Sie ist eine wesentliche Basis für die wechselseitigen Aktionen zwischen dem Kind und seiner Bezugswelt. Im dritten Lebensmonat ist normalerweise die Fähigkeit entwickelt, Gefühle wie Freude, Wut, Furcht, Traurigkeit, Ekel, Überraschung, Neugier mimisch oder stimmlich zum Ausdruck zu bringen (Stern 1996.

 
Aggressivität versus Friedensfähigkeit

 

 Sicher gebundene Vorschulkinder gehen sicher mit Aggression innerhalb der Peer-group um.

Beziehungen zwischen Kindern derselben Altersstufe und in etwa derselben sozialen Gruppe, einer so genannte Gleichaltrigenkohorte oder Peer-group, zunehmend komplexe soziale Systeme, die ihre Werte und ihr Verhalten beeinflussen. Der Übergang zur sozialen Welt der Erwachsenen wird durch die Formierung einer solchen Peergruppe um einen Anführer oder Peer-leader herum erleichtert, deren Mitglieder unterschiedliche Stärken und Schwächen haben und denen ein Bewusstsein für kameradschaftliches Verhalten gemeinsam ist. Am größten ist die Konformität mit einer Peer-group im Alter von etwa zwölf Jahren. Diese Konformität verschwindet nie wieder völlig, ist aber unter Erwachsenen weniger offensichtlich.

Sie verhalten sich im Kindergarten prosozial, halten Regeln ein und gehen kompetent mit entstehenden Gruppenkonflikten um, indem sie an der Entwicklung konstruktiver Konfliktstrategien beteiligt sind.

Sie verteidigen sich in adäquater Weise oder halten Distanz ,während unsicher gebundene Kinder Schwierigkeiten mit der Dosierung von Gewalt haben und auch leichter in die Opferrolle geraten.

 

Natürlich gibt es biologische, hirnorganische, hormonelle, biochemische und genetische Veranlagungen zu Aggression und Gewalt, es kommt aber darauf an, ob diese Veranlagungen auf eine empathische Bezugswelt treffen oder nicht, und erst das Zusammenwirken  von biologischen und soziodynamischen Faktoren kann möglicherweise die Entstehungsursache auf die dissozialem Sozialverhalten bei einem Kind bzw. einem Jugendlichen liefern.

Dies findet seine Bestätigung bei Feldstudien an jungen Rhesusaffen: Auf kurzfristige Trennungen von ihren Müttern reagieren sie mit einem Anstieg der Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Hierbei handelt es sich um ein genetisch vorgegebenes Faktum. Wenn Primatenmütter ein intensives Pflegeverhalten zeigten, waren die Stressreaktionen abgemildert oder blieben gänzlich aus. Außerdem beobachtet man bei gestressten Affenbabies vermindertes soziales Neugier- und Kontaktverhalten, das allerdings erst in der Adoleszenz, im Jugendalter, auftrat. Der Befund stimmt mit psychoanalytischen Auffassungen überein, dass Beeinträchtigungen der frühen emotionalen Entwicklung erst später im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter in Erscheinung treten. Darüber hinaus hat sich in Tierversuchen gezeigt, dass elterliches Verhalten nicht nur die Entwicklung der Nachkommen beeinflusst, sondern auch Genom unabhängig an die nächsten Generationen weitergegeben wird.

 

Wir haben nun gesehen, dass unsicher gebundene Kinder sozial auffälliger und aggressiver sind als sicher gebundene Kinder, deren Eltern von Anfang an eine bejahende, empathische, haltgebende Beziehung zu ihrem Kind unterhalten haben. Solchermaßen aufgewachsene Kinder sind in der Lage, ein positives Bild zu ihrem eigenen Selbst , wie auch zum fremden Selbst auszubilden.

 

Wenn der Mutter-Kind-Dialog nicht hinreichend gut, verlässlich und konsistent verläuft, wird die Beziehung zum eigenen Selbst brüchig, fragil und in seiner Existenz gefährdet. (Wer bin ich? Wer liebt mich? Bin ich liebenswert? Die Welt ist schön. Es ist gut, dass meine Freunde da sind. Meine Eltern lieben mich auch ohne Worte.)

Für den Beziehungsgestörten gibt es dann nur eine – auch genetische Vorgabe- darauf zu reagieren: es kann zur Entstehung eines zerstörerischen, destruktiven Selbsthass kommen. Es entwickelt sich ein Selbst, dass keinen Raum für eigenes mehr hat und nicht zu einer wirklichen Reflexion des soziodynamischen Umfeldes in der Lage ist.

 

Zusammenfassend steht destruktive Aggressivität zunächst im Dienste des Selbstschutzes, ist also eine Abwehr gegen den drohenden Zerfall des fragilen Selbst. Aggressives Verhalten ist also aus psychologischer Sicht eine Form von Schmerzvermeidung und -verleugnung.

Eltern, die aus ihrer eigenen Kindheit stammenden Konflikte und die damit zusammenhängenden Emotionen von Schmerz, Angst, Zorn, Verzweiflung nicht bewältigen konnten, sind auch nicht in der Lage, ihren Kindern bei deren Konflikten, Ängsten und Nöten beizustehen. Solche Kinder werden auch aggressive Verhaltenstendenzen entwickeln, um mit den negativen Gefühlen Schmerz, Angst, Verzweiflung fertig zu werden, und um ihr eigenes psychisches Selbst zu schützen.

Dies kommt auch sehr plastisch in den Selbstäußerungen jugendlicher Gewalttäter und Hooligans zum Ausdruck: So sagte der zweitjüngste Solinger Brandstifter Christian R.: „Ich bin böse, deshalb wurde ich geschlagen, und deshalb muss ich schlagen“.

Ein anderer Gewalttäter, der einen ihm unbekannten Rentner auf grausamste Weise zu Tode gequält hat, schilderte die Leere, die aus der Verleugnung des Schmerzen in ihm entstanden ist, u.a. mit den Worten: „Ärger, Frust, Schmerz, Trauer, die dringen nicht in mein Inneres vor, einfach verdrängen, das ist am besten, oder in eisigen Hass verwandeln“.

 

Arno Grün (2000) schreibt in seinem Buch Der Fremde in uns , dass es unser Dilemma sei, „wenn wir nicht glauben, dass es eine solche Leere tatsächlich gibt, dass es Menschen ohne Identität wirklich gibt. Wir können nur etwas für sie und für uns tun, wenn wir akzeptieren, dass solche Fehlentwicklungen vorkommen, und dass sie sogar ausgesprochen häufig sind. Die heute so stark verbreite Fixierung auf Rolle und Image ist im Grund ein Indiz dafür, wie viele Menschen es ohne eigene Identität gibt, und dass unsere Kultur deren Existenz fördert“.

In der Tat, unsere  Gesellschaft ist durch eine ‚fortschreitende Entväterlichung und Entmütterlichung’und eine entsprechende ‚Infantilisierung’ gekennzeichnet (Schwarte 2000), damit ist gemeint, dass viele Eltern sich weigern, Verantwortung für ihre Kinder, für sich selbst und für Fremde zu übernehmen. Das ist, wie wir gesehen haben, entwicklungspsychologisch bedingt. 
 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Weichen für die Entwicklung zu einem in sich ruhenden Selbst schon sehr früh, nämlich schon in den ersten Lebensstunden gestellt werden, d.h. eigentlich schon pränatal, vorgeburtlich, denn wir wissen aus Untersuchungen an schwangeren Frauen, dass diese schon in der frühen, erst recht in der späten Schwangerschaft mit ihren Kindern gefühlsmäßig interagieren, und sich Vorstellungen über das heranwachsende Wesen machen. Sind diese positiv besetzt, so sind die Vorraussetzungen günstig, dass die werdende Mutter in der Lage sein wird, die jeweils aktuelle Bedürftigkeit und Befindlichkeit ihres Kindes aus dessen Perspektive wahrzunehmen.

Dies ist der Weg, und es gibt keinen anderen: von der ersten Lebensstunde an, und möglichst schon in der Schwangerschaft, Mutter und Kind zu fördern, damit die Entwicklung zu einem friedensfähigen, konstruktiven und autonomen Selbst möglich wird.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind hierfür notwendig:

 

1.Erziehungslehre als Schulfach für Jungen und Mädchen

 

2. Pflichtjahr Erziehung in einem Kindergarten als Pendant zu anderen sozialen Jahren, entsprechend einem Zivildienst für junge Frauen

 

3.Abschaffung des Begriffes ‚ Erziehungurlaubes’ durch ‚Erziehungszeit’
(ist bereits erfolgt, der Verf. 4.2005)
 

4. Familienpolitische, gesellschaftspolitische  Wertschätzung dieser Erziehungszeit durch

-  Verlängerung der Erziehungszeit auf 12 Jahre

-   finanzielle Vergütung dieser Zeit entsprechend der beruflichen Ausbildung mit entsprechendem Rentenanspruch

-   finanzielle Unterstützung von adäquatem Wohnraum

-  Förderung der beruflichen Wiedereingliederung nach der E.Z.

 

Ob die Institution Familie dabei förderlich ist, muss abgewartet werden, ein Zerbrechen dieser Lebensform in ca. 40% der Fälle scheint auf eine Untauglichkeit hinzuweisen, denkbar ist allerdings auch, dass das Scheitern der Familien durch die Unwirtlichkeit der gesellschaftlichen Umgebung erfolgt und eine Spätfolge der sog. 68 Bewegung ist.

Lebensformen mit häufig wechselnden Bezugspersonen ist, wie wir gesehen haben, der sozialen Entwicklung der kommenden Generation zutiefst abträglich.

Inwieweit hier der gesellschaftliche Wert der Institution Familie auch materiell dargestellt wird, sollte ebenfalls erwogen werden.

In keinem Falle sollte die Familensituation durch eine ‚Verhortungssituation’ ersetzt werden, da hier keine wirklichen Bezugspersonen im Sinne der modernen Bindungsforschung vorhanden sind. Besonders fatal auf die soziale Entwicklung der Kinder muss sich die Kinder-Verhortung von Alleinerzeihenden berufstätigen Müttern auswirken. Dieser großen gesellschaftlichen Gruppe sollte eine intensive staatliche Förderung zukommen, damit sie die erforderliche Zeit für die emotionale Zuwendung für ihre Kinder haben.

Die Vollzeitgroßmutter unsrer Tage ist schließlich auch berufstätig, sodass sich deren Kinder bzw. Enkelkinder letztlich in dieser Gesellschaft ständig überflüssig und störend vorkommen müssen.

Der Begriff ‚ Armutsrisko durch Kinder’ ist in dieser Gesellschaft geläufig.

Gibt es Finanzierungsmöglichkeiten dieser fast utopisch erscheinenden Vorstellungen:

-    Einsparungen bei der Arbeitslosenversicherung

-    Besteuerung von Aktiengewinnen, die keine sozialen Verantwortlichkeiten mehr kennen.

     -   Die Kindererziehung stellt eine der wichtigsten          gesellschaftlichen  Tätigkeiten dar und muss entsprechend dargestellt   werden .

 Dies wird aber letztlich nur möglich sein, wenn es zu einer ‚sittlich, politischen Wandlung’ ( Karl Jaspers) in unsrem Denken kommt. Statt Machtstreben, Eigennutz, Geltungsdrang, Besitz- und Konsumgier, steigender Tendenz zum Lustgewinn und entsprechender Verdinglichung des Kindes, bis hin zum sexuellen Missbrauch, wieder absolute Wertschätzung des Kindes und der Familie. Werte, wie mütterliche Gefühle, Gemüthaftigkeit, Empathie, Mitleidensfähigkeit, Schwäche, Verzweiflung, Trauer und Schmerz müssen wieder anerkannt und wertgeschätzt werden. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, dass wir alle, die diese Gesellschaft bilden, ganz besonders die von uns gewählten Politiker, die Verantwortung für unsere Kinder wieder ernst nehmen.

So soll zum Schluss noch einmal die Frage ganz gezielt gestellt werden, was vor allem Eltern tun könnten, damit sich ihre Kinder zu eigenständigen und sozial verantwortlichen Persönlichkeiten entfalten können. Zunächst und vor allem kommt es darauf an, dass sie ihren Kindern eine tragfähige emotionale Sicherheit vermitteln. Dies geschieht dadurch dass sie ihren Kindern zuwenden und Anregungen geben. Kinder brauchen auch Grenzen und müssen lernen, angemessen mit Frustrationen umzugehen. Gleichzeitig ist es wichtig Eltern die Gefühle ihrer Kinder wahrnehmen. Zur Förderung des Selbstbewusstseins tragen Eltern bei, wenn sie sich überhaupt für deren Entwicklung interessieren. Keinesfalls und nie gehört zum Erziehungsrepertoire physische , körperliche Gewalt. Dies stellt die größte Erniedrigung der Kinder dar durch die Erzieher dar, von denen sie eigentlich Schutz erwarten dürften.

Lob ist wichtig, aber nur dann hilfreich, wenn es sich auf reale und nachvollziehbare Leistungen oder Verhaltensweisen des Kindes bezieht.

Erziehung Auseinandersetzungen auf unterschiedlichen Ebenen mit möglichst vielen Personen. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir selbst genügend Offenheit in Erziehungsfragen haben. Die Offenheit beginnt bei einem allgemeinen Interesse an Fragen der Erziehung. Über informelle Gespräche im Bekanntenkreis sind Diskussionen im Kindergarten, der Grundschule auch und gerade in weiterführenden Schulen über die jeweiligen Erziehungskonzepte notwendig. In vielen Fällen kann es hilfreich sein, sich einer Gruppe anzuschließen oder sich einen Kreis vertrauter Bekannte zu schaffen, in denen es um Fragen der Erziehung geht.

 Wenn Eltern merken das sie in Fragen der Erziehung an Grenzen kommen, sollen sie sich nicht scheuen Erziehungsberatungsstellen aufzusuchen. So kann man vermeiden, dass sich schädliche , einseitige Strukturen im Umgang mit den eigenen Kindern ausbilden. 

Anzustreben ist vor allem ein lebendiger Prozess des Austausches über Erziehungs- und Bildungsziele in der Schule.

Dabei darf es nicht bei einer Diskussion über das Leistungsverhalten der Schüler bleiben. Das gemeinsame Interesse von Eltern und Lehrern muss sich vor allem auf die Selbst- und Sozialentwicklung der Kinder richten. Für das Gelingen von Bildung und Erziehung darf der Blick auf die Entwicklung der Persönlichkeit nicht vernachlässigt werden. Denn ein sicheres und emotional gestütztes Selbstbewusstsein

Ist die grundlegende Vorraussetzung dass wir alle, die aktiv oder passiv am Erziehungsverhalten mitwirken die Welt, wie sie ist verstehen können und am Aufbau einer humanen Gesellschaft mitbauen können.



Wer nimmt ein Kind,wer stellt es ins Gestirn und gibt das Maß des Abstandes ihm an die Hand?   (R.M. Rilke Duineser Elegien)

 



Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung
 

Vaterschaftskonzepte der Gegenwart (2005)

Statistische Erhebungen zeigen, dass sich das Vaterschaftskonzept geändert hat. In einer für Deutschland repräsentativen Studie wird das Vaterschaftkonzept der Gegenwart auf zwei Typen zugespitzt,

Danach rechen sich 66 % der Befragten dem Typ „Vater als Erzieher“ und 34% dem Typ „Vater als Ernährer“ zu.Mit der letzteren Bezeichnung ist gemeint, dass sich der Vater eher um die äußeren Belange kümmert, während sich der Vater als Erzieher um die gesamte Entwicklung seines Kindes und die Beziehungen innerhalb der familiären Konstellation sorgt

„Es handelt sich also um einen neue soziale Norm, die Vaterschaft neu definieren lässt“. (Fthenakis/Minsel 2002 S.23)

 

Der Stand der Vaterforschung
 

Erst seit den siebziger Jahren kann man von einer kontinuierlichen und differenzierten Vaterforschung sprechen. Seiffgen-Krenke (2002)unterscheidet drei Phasen des Vaterbildes:

1.Väter sind distante periphere Figuren in der Kindererziehung

2. Väter und Mütter sind eigentlich ähnlich und austauschbar

Kennzeichnend für beide Phasen war, dass der Vater quantitativ und qualitativ  als defizitär im Vergleich zur Mutter eingestuft wird.

3. Erst in jüngerer Zeit wird die Frage nach den väterlichen und mütterlichen Unterschieden in den Handlungsweisen und die Bedeutung für die Entwicklung des Kindes gestellt.

Bei den Vätern war man bisher eher daran interessiert, ob in Bezug auf ihre Töchter eine sexuelle Problematik vorliegen könnte. Das Interesse richtete sich vor allem auf das Thema Missbrauch gegenüber Mädchen und auf aggressive Handlungsweisen von Vätern gegenüber ihren Söhnen.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse, wie sie die Säuglings- und Bindungsforschung vorlegen, wird die Frage interessant, ob der Vater nicht ebenso wie die Mutter schon in der frühen Kindheit eine herausragende Bedeutung hat, wenn es zum Beispiel um den Aufbau sicherer Bindungen geht (Steinhard et al. 2002).  Viele Väter beteiligen sich an geburtsvorbereitenden Kursen, und nehmen unmittelbar Kontakt zu ihnen auf. In der Folge wickeln und pflegen diese Väter ihre Kinder, nehmen sie auf den Arm und sind auf diese Weise wie die Mutter eine nahe Bezugsperson. Aus der Säuglingsforschung wissen wir,dass ein Kind schon in den ersten Wocheneine Beziehung zu mehreren Personen aufbauen kann. Eine große Bedeutung für die Identitätsentwicklung und die Bindungssicherheitseines Kindes wird schon in dieser frühen Phase angenommen. (Scheer/Wilken 2002 S182ff)

 
In einer vertrauensvollen Beziehung erlebt das Kind , dass es neben der Mutter noch eine weitere Person gibt, die sich anders anfühlt, deren Stimme anders klingt, die aber dennoch Geborgenheit vermittelt Eine so beginnende emotionale Bindung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.(Scheer/Wilken 2002 S. 182 ff.).

Der Spannungsbogen der Vaterforschung reicht von einer weitgehenden Ignoranz des Vaters bis hin zu einem positiven, unterstützenden Vater.  Auch seine wesentliche Rolle als Dritter im Beziehungsgefüge (Mutter-Kind-Vater) wird zunehmend gewürdigt.(v. Klitzing 2002, S. 94)

Die Aufgabe des Vaters liegt über weite Strecken vor allem darin, der Verschmelzung zwischen Mutter und Kind etwas entgegen zu setzen. So kann er am ehesten zur Autonomieentwicklung seines Kindes beitragen.(Petri,2002, S.5ff) Der Psychoanalytiker Peter Blos (1990)hat die Vater -Sohn Beziehung und spezifischen Verhaltensweisen des Vaters hervorgehoben: zum einen geht es darum , zu seinen Kindern eine angemessene Beziehung herzustellen, und zum anderen gilt es auch eine entsprechende Paarbeziehung zu leben. So kann ein Kind erfahren, dass es in einem Beziehungssystem aufwächst, dem mindestens drei Personen angehören. Es erkennt im Verlauf seiner Entwicklung, dass es zu Vater und Mutter eine Beziehung hat und dass darüber hinaus eine Dreierbeziehung gibt. Bei aller Fürsorglichkeit, vor allem des frühen Vaters für den Sohn und der Wahrnehmung von Ähnlichkeit, ist es dennoch wichtig, sich um Differenz zu kümmern, und die Bedeutung des Dritten, in diesem Fall der Mutter, zu beachten.

Zusammenfassend hebt Inge Seiffge-Krenke hervor, dass der Vater einen besonderen Beitrag hinsichtlich der Individuation leiste, der den Beitrag der Mutter ergänze und komplettiere: 

„Er muss seine Rolle als Vater übernehmen und nicht zur zweiten Mutter werden. Für alle die Kinder und Jugendlichen jedoch, die – aus welchen Gründen auch immer - nicht mit ihren Vätern zusammenleben, ist, auch wenn diese nur einen kleinen Teil zur Verfügung stellen können, die Regelmäßigkeit dieses Arrangements und die Einbeziehung in Alltag notwendig, um die gefährliche Idealisierung von Vätern zu vermeiden.“

Für eine gute Entwicklung sind unterschiedliche Akzentsetzungen durch Mutter und Vater wichtig. Die Ablösung in der Adoleszenz kann dann gut gelingen, wenn eine Beziehung zu beiden Eltern besteht .Je mehr ein Kind mit der Realität außerhalb der Familie konfrontiert wird, desto stärker gewinnt der Vater als Sicherheit bietende Instanz an Bedeutung.   
 

Wenn Vater, Mutter und Kind positiv aufeinander bezogen sind, kann man von einem gelungenem Triangulierungsprozess sprechen. Auch wenn dieser Prozess in der heutigen Zeit in vielen Familien nicht oder nur begrenzt gelingt, ist dies kein Grund, ihn als unbedeutend anzusehen. Es ist das Prinzip des „bedeutsamen Dritten“, das unabhängig von der tatsächlichen väterlichen Präsenz von Anfang an seinen Platz in der Mutter Kind Beziehung bekommen muss (Grieser 1998, S. 21 ff.).

Hilfreich ist es, wenn diesen psychischen Raum schon während der Schwangerschaft bereithält, so dass er für das neugeborene Kind innerpsychisch schon vorhanden ist (v. Klitzig 2002, S 13). Der reale Vater muss natürlich in der Lage und bereit sein, diesen von der Mutter eingeräumten Platz auf seine ganz eigene Weise einzunehmen und zu gestalten. Das gelingt nicht immer und nicht zu jeder Zeit.
 

Das Konzept der zugewandten Väterlichkeit hat vor allem dann Chancen, wenn es von der Ehefrau oder Lebenspartnerin unterstützt wird. Die Frau stellt gleichsam einen „psychischen Raum“ für den Vater ihres Kindes bereit. Wenn in ihrer inneren Einstellung eine Wertschätzung des Vaters mitschwingt, dann wirkt sich diese positiv auf die Vater-Kind Beziehung aus. Natürlich muss der der Vater auch bereit sein, diesen Platz einzunehmen und zu gestalten.
 

Das väterliche Beziehungsangebot ist wichtig.

 In den ersten Lebensjahren besteht seine Aufgabe vor allem darin, körperliche Nähe und ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Er ergänzt und erweitert die wichtige Mutter-Kind Beziehung und ist für sein Kind der „bedeutsame Dritte“. Seine Aufgabe in der frühen Kindheit liegt über weite Strecken darin, der Verschmelzung zwischen Mutter und Kind etwas entgegenzusetzen.So kann der Vater zur Autonomieentwicklung einen wesentlichen Beitrag zu leisten. In den folgenden Lebensjahren kommt es vor allem auf gemeinsame Aktivitäten und Unternehmungen an. Wenn ein Vater mit seinem Kind auf Entdeckungsreise geht, es bei seinen vielfältigen Lernschritten, wie Dreirad-, Roller-, Fahrradfahren und beim Schwimmen unterstützt, dann wird er als Vorbild erlebt. Auf diese Weise wird eine tragfähige Beziehung aufgebaut, die eine wichtige Vorraussetzung für den späteren Ablösungsprozess bildet.

 

Phase der sexuelle Identitätsentwicklung.

In dieser Phase werden auch die Erfahrungen mit der sexuellen Identitätsbildung aktuell. Die neuen Herausforderungen, die nun an Jungen und Mädchen gestellt werden, können dann besser aufgenommen und bewältigt werden, wenn es über positive verinnerlichte Erfahrungen über das Mann und Frausein gibt.

Bereits in der frühen Beziehung zu Vater und Mutter liegen die Anfänge der sexuellen Identitätsbildung. Vater und Mutter können von dem Kind in ihrem Anderssein, in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit erfahren werden. Die Erfahrung beider Geschlechter scheint unabdingbar für die psychische Entwicklung zu sein.

So wichtig eine sichere Bindung zwischen Mutter und Sohn ist, muss sich der Junge doch im Laufe seiner Entwicklung vom Geschlecht der Mutter entidentifizieren.

Der kleine Junge hat bei einem zugewandten Vater schon früh ein leibhaftiges, lebendiges Vorbild hinsichtlich seiner Geschlechtsidentität. Der Erkenntnisprozess, nicht so zu sein wie die Mutter, ist mit Schmerz verbunden, der jedoch gemildert werden kann, wenn der Junge von Anfang an körperliche und emotionale Erlebnisse mit seinem Vater hat.

Es ist nicht Aufgabe des Vaters, zweite Mutter zu sein.

 

Identitätsentwicklung ohne Vater

Für alle Kinder und Jugendlichen, die nicht mit ihren Vätern zusammenleben, ist die Regelmäßigkeit des Kontaktes mit ihm und die Einbeziehung in  den Alltag wichtig.

Steht kein Vater als nahe Person zur Verfügung, mit dem sich das Kind identifizieren kann, kann dies den unbedingt erforderlichen Ablösungsprozess von der Mutter erschweren. Eng damit verbunden ist die sexuelle Identitätsentwicklung. Grundlage für das spätere Vatersein ist die Entwicklung einer männlichen Identität. Diese ist nur möglich über Erfahrungen mit männlichen Vorbildern. Scheitert dieser Versuch, dann kann der Sohn ein Leben lang auf die enge Beziehung zur Mutter fixiert bleiben und sich auf eine unendliche Reise der Sehnsucht nach dem Vater begeben. Bleibt es bei einer Orientierung an der Weiblichkeit, dann ist die Abgrenzung nur schwer möglich. Die Ausbildung einer männlichen und später auch einer väterlichen Identität wird erschwert oder auch gänzlich verhindert. Es besteht zudem die Gefahr, dass ein Sohn von der Mutter als Ersatzpartner missbraucht wird. Lehnt die Mutter ihren Lebensgefährten als Vater für ihr Kind ab, dann erschwert sie ebenfalls den Aufbau der männlichen Identität ihres Sohnes. Eine Identifikation mit einem Vater ist nur dann möglich, wenn sein Bild in der Vorstellung der Mutter positiv besetzt ist.

Nicht selten kommt es vor, dass der Vater anwesend, aber emotional abwesend ist. Ein solcher Vater kann den Entwicklungsprozess seiner Kinder dadurch enorm erschweren, dass er die Entwicklung eines inneren Raumes, in dem einlebendiger Vater als inneres Bild aufgebaut werden muss, blockiert (Gebauer S. 150ff „Kinder brauchen Vertrauen“).

Damit sind alle Prozesse beeinträchtigt, die zur Entfaltung der Identität erforderlich sind:

-es mangelt an der Erfahrung von Nähe und Geborgenheit

-eine Identifizierung mit dem Vater erscheint nicht erstrebenswert.

-eine innere Orientierung in schwierigen Situationen an einem verlässlichen Vaterbild ist nicht möglich

-eine Modulation der Gefühle, vor allem der Umgang mit aggressiven Impulsen, wird erschwert

-der Vater entfällt als Helfer beim Umgang mit Gefühlen

-wo keine Idealisierung des Vaters entstanden ist, kann auch keine Entidealisierung erfolgen. Es bleibt eine Leerstelle, die aber gefüllt werden muss, wenn die Entwicklung zu einer männlichen und väterlichen Identität eine Chance haben soll.



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